Geborgenheit und Freiheit
Gott und die Pubertät!? - Wort zum Monat Februar von PRef. Gernot Hödl
Hintergrund:
Geborgenheit und Freiheit: zwei Pole, die im (Glaubens)Leben eine wichtige Rolle spielen. Und in der Pubertät wohl ganz besonders spannungs-reich erlebt werden können. Das Wort zum Monat Februar ist eine kleine Gedankenreise von PRef. Gernot Hödl zum Thema, mit der Entdeckung, dass Gott und die Pubertät doch einiges miteinander zu tun haben könnten.
Liebe Christinnen und Christen!
In diesem Pfarrbrief-Vorwort möchte ich Sie auf eine kleine Denk- und Assoziations-Reise mitnehmen, auf der ich in den Tagen nach Neujahr selbst unterwegs war.
Geborgenheit und Freiheit ...
Mich sprach nämlich ein Artikel in einer theologischen Zeitschrift an: „Die Bedeutung des Glaubens für ein Leben in Geborgenheit“. Ein schöner Text, der zum Gedanken führte, Geborgenheit könne eine moderne Übertragung für die alten Begriffe „Heil“ und „Erlösung“ sein. Ja, das könnte so stimmen, dachte ich mir, gerade in Zeiten wie jetzt, in denen so vieles unsicher ist.
Also ermutigende Worte. Und alles richtig, was darin geschrieben steht. Aber irgendwie blieb das Gefühl: Da fehlt doch etwas?! Nach einigem Nachdenken fiel es mir ein. Zum Pol der Geborgenheit gehört im christlichen Glauben nämlich der andere Pol dazu: die Freiheit! Denn auch dazu hat Gott den Menschen geschaffen. Ein freies Wesen zu sein, mit Verstand ausgestattet, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Wege zu gehen. In der Geborgenheit Gottes verankert können wir hinaustreten in ein Leben in Freiheit.
entspricht Loslassen und Halt geben ...
Und dann die nächste Assoziation: habe ich nicht vor kurzem ein Hörbuch eines Erziehungsberaters gehört? Jan-Uwe Rogge … Da ging es doch auch um zwei Pole: Loslassen und Halt geben!? Mit dieser Haltung sollten Eltern ihren pubertierenden Kindern begegnen. Denn einerseits müssten junge Menschen ihren eigenen Weg entdecken und bräuchten doch andererseits Halt in diesen Umbrüchen (auch wenn dieser Wunsch nach Halt nicht immer so verständlich rüberkommt. Eltern pubertierender Kinder wissen darüber wohl Bescheid J. Wobei Jan-Uwe Rogge Eltern die Empfehlung gibt, auch bei Konflikten und Auseinandersetzungen an der Beziehung zum Kind „dranzubleiben“.)
... auch im Weg mit Gott!?
Loslassen und Halt geben, das entspricht doch diesem Paar „Freiheit und Geborgenheit“!? Und so entdecke ich eine Parallele zwischen dem Weg von Eltern mit ihren Kindern und dem Weg Gottes mit uns Menschen sowie unserem Weg mit Gott. Ich finde jede Menge Erkenntnisse: in Bezug auf meine Beziehung zu Gott, auf mein Gottesbild, auf meine Aufgabe als Vater, auf meinen eigenen Lebensweg in Vergangenheit und Zukunft:
- Gott schenkt mir die Freiheit, meinen Lebensweg zu gestalten, eigene Schritte zu gehen, als aufrechter Mensch zu leben.
- Dabei bleibt doch sein Beziehungsangebot aufrecht: bei ihm Halt zu finden, Wurzeln zu haben, auftanken zu können.
- Gott selbst muss mit seinen pubertierenden Kindern auf der Erde ganz schön viel aushalten und kann sich auch nicht immer beherrschen. Die prophetischen Schriften des Alten Testaments erzählen oft davon, wie er hin und her gerissen ist zwischen der Liebe zu seinen Kindern und dem Zorn darüber, dass sie nicht das tun, was er von ihnen will.
- Wenn wir von Gott in Familien-Bildern sprechen (Gott als Vater, wie eine Mutter, wir als Kinder Gottes), dann muss das nicht immer nach Harmonie klingen! Auch dieses Verhältnis kommt nicht ohne Krisen aus. Zeiten der Distanz sind lebensgeschichtlich gesehen verständlich. Zuwendung und Nähe sind trotzdem weiter möglich. Und wenn es gut geht, findet nach einer Zeit der Distanz neue Begegnung auf Augenhöhe statt.
Halt geben und Loslassen, Geborgenheit und Freiheit. Wenn mir Gott mit diesen Haltungen begegnet, dann kann doch ich auch diese Haltungen leben und weitergeben, auch in meiner Familie. Puh, gar nicht so einfach. Hoffentlich klappt’s!
PRef. Gernot Hödl
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www.jan-uwe-rogge.de; sowie
Jacobs, Christoph: Und ganz gewiss an jedem neuen Tag! Die Bedeutung des Glaubens für ein Leben in Geborgenheit, in: Anzeiger für die Seelsorge, 1/2021, S. 30-35.



