
Der Orgelbauer Vleugels zu seinem Werk:
„[…] Eindeutig war die Tatsache, dass das vorhandene barocke Gehäuse mit 4'-Prospekt weiter verwendet wird. Ebenso sollten die brauchbaren Pfeifenreihen aus der Vorgängerorgel in die neue Disposition integriert werden. So finden wir heute im Barockgehäuse das alte Hauptwerk oder Vorderpositiv untergebracht. Um Stimmgangbreite abgerückt wurde die Zwillingslade für Pedal und neues Hauptwerk gleich Hinterwerk platziert. […]
Von schmucker Vergoldung eingerahmt, ziehen insbesondere die wertvollen zinnernen Prospektpfeifen die Blicke auf sich. Sie überragen mit gestaffelten Fußlängen die zentral eingefügte Spieleinrichtung, das Regiepult des Organisten. Von dort gelangen sämtliche Impulse über die Tasten der beiden Manuale mit 54 Tönen und dem Pedal mit 27 Tönen zu den einzelnen Ventilen im Orgelinneren. Dies geschieht über ein rein mechanisches Gestänge aus Holzleisten, Holzwinkel, Metallwellen und Wippen.
Im Gehäuseinneren stehen auf großen rechteckigen Körpern aus Eichenholz (den Windladen) die einzelnen Pfeifen der insgesamt 17 klingenden Stimmen. Sie verteilen sich für das vordere Werk auf 9 Stimmen, und auf der gemeinsamen Manual/ Pedalwindlade des hinteren Werkes auf 8 Register und 2 separate Registerschaltungen (Halbzüge). Unter der Windlade des Hinterwerks befindet sich die Windversorgung mit einem elektrischen Schleudergebläse und Hauptwindspeicher (Balg), von der mittels großer Holzkanäle die Schleifladen mit der benötigten Luft versorgt werden.
Für die technischen Funktionen wurden nur beste Materialien eingesetzt. Im Bereich der Trakturen Eiche- und Fichtenholz, Eisen- und Aluminiumwellen, sowie Leder. Für die Tasten der Manuale haben wir Ebenholz verwendet, ebenso für die kunstvoll gedrechselten Registerzüge."
Orgelinspektor Kohlmann lobte in seinem Abnahmebericht die außerordentliche, korrekte, saubere Arbeit, und den Klang der Orgel:
„[…] Die einzelnen Register waren auch makellos, d.h. bruchlos, durchintoniert. Die Abnahmeprüfung machte keine, auch keine nur geringfügige, Beanstandung erforderlich. Die Abnahme wird daher empfohlen. Die Gemeinde St. Ilgen hat mit ihrer neuen Orgel ein Instrument erhalten, dessen Vollkommenheit beeindruckt."
Vleugels Disposition von 1995
I. Manual C bis f3 II. Manual PedalRohrflöte 8' Salicional 8' Holzoctave 8'Principal 8' Großgedackt 8' Subbass 16'Spitzflöte 4' Praestant 4'Octave 4' Flötgedackt 4'Trompete 8' Octave 2'Mixtur 3-4fach 2' Quinte 2 2/3'Larigot 1 1/3'Terz 1 3/5'Mixtur 3 fach 1'Mechanische Spieltraktur und mechanische Registertraktur.
Die Geschichte der alten Orgeln in St. Aegidius
Den ersten schriftlichen Nachweis einer Orgel in St. Ilgen findet sich in dem Tagebuch von dem damaligen Pfarrer Halter:
„1791 die Orgel gestimmt." (Tagebuch S. 43.48.)
Das heute vorhandene Barockgehäuse wurde, wie sich aus Akten ergibt, Ende 1889/ Anfang 1890 samt der darin befindlichen 10registrigen Schleifladenorgel mit nur einem Manual an die Gemeinde von Orgelbauer Mathias Burkard aus Heidelberg geliefert. Die vorher vorhandene Orgel wird nur als „altes, verlottertes Werk" bezeichnet, das Burkards Meinung nach „mindestens 200 Jahre alt" sein müsse. Nähere Angaben sind nicht in den Akten enthalten.
Die von Burkard (Schüler von Lois Voit) aufgestellte Orgel kann nicht von ihm gestammt haben, denn er dürfte nie eine Schleiflade neu gefertigt haben. Ganz offensichtlich hat er das Werk in seiner Disposition im Sinne romantischer Ausrichtung verändert haben. Drei vorhandene 4' –Stimmen deuten darauf hin, dass hier eine davon nach Beseitigung einer Aliquotstimme in die Orgel kam. Ebenso dürfte das Vorhandensein zweier Streicher der 8'-Lage nicht dem Orginalbestand entsprochen haben. So wird der Pfeifenbestand lediglich zu Teilen – auf Salicional-Pfeifen befand sich der Voit-Stempel (Burkards Pfeifenzulieferer) von ihm neu geliefert worden sein.
Burkards Disposition von 1889
I. Manual C bis c3 Pedalwerk C bis f
- Gedeckt 8' 9. Subbass 16'
- Gamba 8' 10. Oktavbass 8'
- Salicional 8'
- Prinzipal 4'
- Kleingedeckt 4'
- Flöte 4'
- Quinte 22/3'
- Mixtur 2' 4fach
Die Orgelbaufirma von Carl Hess aus Karlsruhe-Durlach, die 1954 die Orgel renovierten und erneuerten, beschreibt am 8. Januar 1952 den „recht trostlosen Zustand" der vorhandenen Orgel:
„Auf der Empore steht ein sehr feines Barockorgelgehäuse, welches bei der Erneuerung der Orgel unbedingt erhallten bleiben sollte.
Unbrauchbar geworden sind die Holzpfeifen des Gedeckt 8', der Flöte 4' im Manual, und im Pedal sind Subbass 16' und Oktavbass 8' vollständig vom Holzwurm zerstört.
Gamba, Quinte und Mixtur werden ab cis eingeschmolzen; Zinn wird für die neuen Register verwendet. Alle übrigen alten Register werden überholt und wieder verwendet.
Die brüchig gewordene Mechanik und die verwurmten Holzteile müssen ersetzt werden, und bei dieser Gelegenheit soll die Disposition verbessert werden, und auf 2 Manuale angelegt.
Sparmassnahmen zwingen uns, pneumatisch gesteuerte Laden zu bauen, bei dieser Gelegenheit den Umfang der Manuale statt von C bis c3 auf C bis g3 zu erweitern, ebenso das Pedal, welches nur 1½ Oktaven aufweist, und unbedingt auf 30 Töne erweitert wird.
Elektrowinderzeuger kann wieder verwendet werden.
Das Gehäuse wird beibehalten und ca. 60cm höher gestellt und zurückversetzt, um vom Kirchenschiff aus zum größten Teil sichtbar zu werden."
„Beim Abmontieren der alten Orgel hat sich herausgestellt, dass das Werk keinen Denkmalswert besitzt, keinen einheitlichen Bau darstellt, sondern teils Pfeifen aus anderen Orgeln, wie z.B. auf Zinnpfeifen angeschrieben Gamba Konstanz, verwendet wurden, und die im 1. Weltkrieg abgegebenen Prospektpfeifen aus Zinn, durch Pfeifen aus billigem Zink mit Broncierung eingebaut wurden.
Auf Abdichtungen der Windladen konnte man auf dem alten Zeitungspapier die Jahreszahl 1853 feststellen. Nirgendwo sonst konnten Inschriften oder Namen der früheren Erbauer festgestellt werden.
Demzufolge verlangte die Gemeinde St. Ilgen den Umbau nicht in mechanischer, sondern in moderner Weise durchgeführt zu haben, was durchaus verständlich ist."
Hinter den historischen Orgelkasten kam eine Pedallade mit Holzumwandung und Holzvergitterung, die seitlich über das historische Gehäuse deutlich herausragt und die beiden Emporenfenster, die mit Brettern geschlossen sind, versperrt.
Hess Disposition von 1954
I. Manual C bis g3 II. Manual C bis g3 Pedalwerk C bis f
- Gedeckt 8' 5. Salicional 8' 10. Subbass 16'
- Prinzipal 4' 6. Piffaro 8' 11. Oktavbass
- Waldflöte 2' 7. Kleingedeckt 4'
- Mixtur 11/3 3fach 8. Prinzipal 2'
9. Terzian 2 fachSpielhilfenNormalkoppeln: II/ I, I/ P, II/ P1 freie Kombination: für sämtl. Register und SpielhilfenWalze: als Crescendo und DecrescendoOrgano pleno: Volles Werk
Der Spieltisch (1954):
Erster Vorschlag des Orgelbauer Hess war ein Spielschrank, „am Gehäuse wie bisher, verschließbar durch zwei Flügeltürchen."
„Das Gehäuse des freistehenden, elektrischen Spieltisches aus Eichenholz, die innere Einrichtung Nussbaum Hochglanz mattiert und poliert. Verschließbar durch Rolldeckel, auf der Rückseite durch 2 Türen. Die Manualklaviatur aus Elvenit, die Obertasten aus Ebenholz, die Pedalklaviatur aus Hartholz. Die Registerdrücker aus Celluloid über dem II. Manual angeordnet. Die freien Kombinationsdrücker als Tästchen über den Registerdrückern angeordnet. Das volle Werk einzuschalten durch Einhängtritt rechts unten am Vorsatzbrett. Die Walze als Tritt mit Gummibelag. Der Crescendo-Anzeiger uhrförmig in der Mitte des Spieltisches. Die Voltmeteruhr links.
Dazu: eine Orgelbank, ein verstellbares Notenpult, eine Spezial-Orgelspieltisch-Beleuchtung für die Manuale und das Pedal."
Die Traktur (1954)
„Des Spieltisches, sowie sämtlicher Funktionen elektro-pneumatisch. Die Kontakte aus Silber. Die Magnete mit Funkenlöschung in neuester, erstklassiger Ausführung, verkadmiert gegen Feuchtigkeitseinwirkung, absolut präzis und sicher, sowie geräuschlos arbeitend. Die Drähte und Kabel aus Kupfer."
Windladen (1954)
„Die Laden aus Kiefernholz. Die Konstruktion ist nach eigenem, seit Jahrzehnten bewährtem System, sog. „Hess-Laden" bestens bewährt.
Die Windladen werden innen und außen gut imprägniert, ausgestrichen, mit Wetterfestem Lack gegen Witterungseinflüsse überzogen und geschützt. Die Membranen werden aus erstklassigem, braunem, amerikanischen Havannaspaltleder."
1977 findet eine Reparatur und Überarbeitung der Orgel von der Orgelbaufirma Vleugels aus Hardheim-Rüdental statt. Dabei werden die Windladen zerlegt und gründlich überarbeitet, die Magnete überprüft und wo notwendig erneuert. Ebenso die Membranventile neu eingerichtet und talcumiert. Die Pfeifenstöcke werden einzeln aufgepasst und auf ihre Dichtigkeit überprüft.
Einrichtung eines neuen Ventilators für Drehstrom 220/380 Volt, mit Windleistung von 8 cbm in der Minute.
In Zusammenhang mit den genannten Arbeiten, werden alle Orgelteile einer gründlichen Reinigung unterzogen, ebenso wird das Innere der Orgel von Staub und Schmutz befreit.
Neueinstimmung der Orgel nach bisheriger Tonhöhe.
Im März 1992 schreibt der Erzbischöfliche Orgelinspektor in seinem Bericht vor der letzten Renovierung und Erneuerung der Kirche samt Orgel:
„Die Pfeifen sind aus überwiegend gutem Material. Allerdings sind die Signaturen verändert, sie wurden also gerückt oder sonst wie umfunktioniert. Auch sind teilweise sichtbar Spuren von später entfernten Streicherbärten erkennbar. Das Salicional trägt die Tonbuchstaben-Signatur des Voit Stempels. Auch sonst sind noch einige Pfeifen aus dem 19.Jhd vorhanden. Die angeblich neu gelieferten Holzpfeifen des Subbass und Oktavbass im Pedal dürften vom Lager der Familie Hess stammen. […]
Nach Angabe von Herrn Organist Nick klang die „alte" Orgel runder und farbiger. Der Klang der Hess-Orgel dagegen ist steril und vermag den Raum nicht überzeugend füllen. Die Pfeifen sind zum Teil sehr mitgenommen: Offenbar wurden auch Stimmungen durch Daumendrücken ausgeführt, was an einzelnen Pfeifen erkennbar ist. Die ganze Anlage war sehr verschmutzt. Reparaturen waren offenbar häufig vonnöten.
Die Herkunft der Pfeifen wird vermutlich nie ganz zu klären sein. Von der barocken Orgel ist sicher nichts mehr vorhanden. Handgehobelte Pfeifen kamen mir jedenfalls nicht in die Hände. Nach dem Hess-Angebot von 1953 dürften aber noch Teile der von Burkard samt dem Barockgehäuse gelieferten Neupfeifen in der Orgel sein.
Mögliche Herkunft des Gehäuses:
Das Gehäuse ist Heidelberger Herkunft. Die St. Ilgener Orgel stammt aus der kath. Kirche Heiligkreuzsteinach. Burkard hatte das Instrument in Zahlung genommen, und sollte dafür eine größere Orgel bauen.
Zu einer Möglichen Konzeption:
Im Zuge der bevorstehenden Innenrenovation muss hierüber eine Entscheidung getroffen werden. Es wäre sinnlos, die Hess-Orgel noch länger erhalten zu wollen. Wir wissen, dass die „Heßsche Patentlade" störanfällig ist. Sie ist ferner wartungsunfreundlicher, da der Zugang zu den Membranen nur von oben möglich ist und deswegen auch für kleine Störungen der Reparaturaufwand zu groß ist. Unerträglich wäre daneben die Beibehaltung dieser zusammengestückelten Anlage. Außerdem möchte das Erzbischöfliche Bauamt gerne die Öffnung der wegen der Orgel geschlossenen Emporenfenster vorsehen.
Künstlerisch und ökonomisch vernünftig ist nur die Neubaulösung."
Diesem Rat des Orgelinspektors Kohlmann folgte man, und beauftragte die Orgelbaufirma Vleugels dazu, die schließlich am 17. August 1992 mit der Arbeit begann.
